Sein Leben lang eingemischt

„Wichtig war, neben der künstlerischen Gestaltung, auch immer die politische Aussage. Die Leute sind zu uns gekommen, um etwas Wahrheit zu erfahren über die DDR und zwischen den Zeilen zu lesen.“ So hat Hartwig Albiro, der am 9. Dezember seinen 85. Geburtstag feiert, in einem Interview den Erfolg des Ensembles in seiner Zeit als Schauspieldirektor erklärt. Sie dauerte von 1971 bis 1996 und umspannte damit ein volles Vierteljahrhundert, ein besonders bewegtes noch dazu.


1931 in Meuselwitz geboren, machte Hartwig Albiro ein Staatliches Diplom als Schauspieler zur Berufsbasis. Nach ersten Engagements, etwa am Theater der Jungen Generation in Dresden, erprobte er sich von 1958 bis 1961 am Stadttheater Meißen auch als Spielleiter, von 1961 bis 1968 am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau als Regisseur und Oberspielleiter sowie von 1968 bis 1971 am Berliner Ensemble als Regiemitarbeiter.


Als er Schauspieldirektor in Karl-Marx-Stadt wurde, fand er bereits ein namhaftes Ensemble vor, zu dem u. a. Jörg Gudzuhn, Michael Gwisdek, Dietmar Huhn, Horst Krause, Christine Krüger, Andreas Schmidt-Schaller und Cornelia Schmaus gehörten. Albiro holte Peter Sodann, auch für erste Regiearbeiten, und 1979 Ulrich Mühe, zwei Jahre später Corinna Harfouch dazu. Immer auf der Suche nach herausragenden Regisseuren, fand er Talente wie Frank Castorf, der Heiner Müllers „Der Bau“ zu einer Sternstunde mutigen DDR-Theaters machte. Auf den Spielplan setzte Albiro Klassiker, die auf die Gegenwart gemünzt waren wie Schillers „Don Karlos“ mit dem Satz „Geben Sie Gedankenfreiheit“, aber auch Uraufführungen wie Volker Brauns „Hinze und Kunze“ (1973) und, in Albiros eigener Inszenierung, „Tinka“ (1976). Die Legende, die Stasi habe damals das Schauspielhaus angezündet, um die Aufführung dieses kritischen Stücks zu verhindern, kann Albiro bis heute weder bestätigen noch völlig ausschließen.


Ursprünglich hatte er nur fünf Jahre in Karl-Marx-Stadt vorgesehen. Aber nach dem Brand „konnte und wollte“ er nicht gehen. Als das Schauspielhaus 1980 wieder aufgebaut war, erinnerte er sich später, „ging es relativ schnell mit den großen politischen Dimensionen. Da war es hier besonders gut, dass wir ein Klima hatten, in dem wir mehr den Mund aufmachen konnten als anderswo in der DDR.“


Zu einer Schlüsselfigur auf der politischen Bühne der Wendezeit wurde Hartwig Albiro am 7. Oktober 1989. Um den 40. Jahrestag der Republik im Luxor „nicht ganz so feierlich“ zu begehen, hatte er ein satirisches Programm vorgesehen. Doch der frisch von der Schauspielschule gekommene Hasko Weber, heute Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters und der Staatskapelle Weimar, schlug stattdessen vor, kritische Texte von DDR-Autoren und vom Neuen Forum vorzutragen. Der Plan wurde bekannt – und verboten. Als Weber das auf der Bühne aussprach, drohte die Situation zu eskalieren. Deshalb bat Albiro das Publikum, ruhig und friedlich zu bleiben. Draußen formierte sich ein Schweigemarsch, in den er sich einreihte. Nachdem die friedliche Demonstration gewaltsam aufgelöst worden war, vereinbarte das Schauspielensemble, am Abend eine Resolution für Meinungs- Presse- und Reisefreiheit zu verlesen. Albiro sollte dies tun und tat es, weil die Kollegen es von ihm erwarteten. Am nächsten Tag wurde er ins Rathaus bestellt und bekam die Anweisung, weder er noch ein Karl-Marx-Städter Ensemblemitglied dürfe die Resolution noch einmal vortragen. Er nutzte, was nicht ausdrücklich verboten war, und ließ einen Schauspieler des Staatstheaters Dresden, das zu einem Gastspiel in der Stadt war, den Text noch einmal verlesen. 20 Jahre danach erhielt Hartwig Albiro für sein öffentliches Engagement bei der friedlichen Wende den Sächsischen Verdienstorden.


Nach der Wende bewies er, dass das Schauspiel in einer neuen Gesellschaft bestehen konnte. Er selbst inszenierte 1991 mit Jewgeni Schwarz‘ Parabel „Der Drache“ und 1993 mit der Uraufführung von Gert Heidenreichs Goebbels-Drama „Magda“ Aufarbeitungen von Diktaturen, 1992 mit Goldonis Komödie „Der Diener zweier Herren“ und 1993 mit der Uraufführung von Helmut Bez‘ Bühnenfassung des Hans-Fallada-Romans „Kleiner Mann was nun?“ unterhaltsame Stoffe, die aber soziale Fragen nicht aussparten. Auch jetzt probierte Albiro neue Regietalente aus, machte etwa 1994 Armin Petras, den heutigen Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart, zum Hausregisseur und ließ ihn mit Rio Reiser als Komponisten und dem heute mit Opern- und Spielfilminszenierungen viel beschäftigten Philipp Stölzl als Ausstatter das Musical „Knock Out Deutschland“ uraufführen.


Auch heute, im Rentenalter, ist Hartwig Albiro als Ehrenmitglied der Theater Chemnitz ein treuer und gern gesehener Premierengast. Und er ist ein engagierter Mitbürger geblieben. Als Mitbegründer und heute Ehrenvorsitzender des Bürgervereins für Chemnitz hat er dort den Chemnitzer Friedenspreis mit initiiert, um jährlich Personen oder Organisationen aus der Stadt auszuzeichnen, die sich aktiv gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit und für ein friedliches Miteinander verschiedener Kulturen einsetzen. Mit der gleichen Intention gehört Hartwig Albiro zur Arbeitsgruppe Chemnitzer Friedenstag, um alljährlich am 5. März das Gedenken an die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg als Verpflichtung für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit zu verstehen. „Das friedliche Chemnitz voranzutreiben“, sieht er als Schwerpunkt seiner ehrenamtlichen Arbeit und erklärt sie: „Das hat mit der Tradition zu tun, dass ich mich mein Leben lang eingemischt habe.“


Dr. Henning Franke / Theater Chemnitz