Vater des Ensembles

Die Liste der Schauspieler und Regisseure, die er entdeckt, gefordert und gefördert hat, liest sich wie ein Who is Who der Theater, Film- und Fernsehlandschaft: Jutta Wachowiak, Christian Grashof, Michael Gwisdek, Jörg Gudzuhn, Peter Sodann, Ulrich Mühe, Corinna Harfouch, Thomas Langhoff, Frank Castorf oder Hasko Weber. Von 1966 bis 1990 machte er als Generalintendant der Städtischen Theaters Karl-Marx-Stadt besonders die Schauspielbühne zur Talentschmiede: Gerhard Meyer, vor 100 Jahren – am 29. Dezember 1915 – in Chemnitz geboren, am 21. Juni 2002 in seiner Heimatstadt verstorben. Ehrenmitglied der Theater Chemnitz ist er auch posthum, um sein Andenken zu bewahren.


Seine Leidenschaft für das Theater entdeckte er als 15-Jähriger, als ihn seine Eltern erstmals zu einer Erwachsenenvorstellung, „Nathan der Weise“, ins Chemnitzer Schauspiel mitnahmen. Bald wurde er hier Statist, dann Schauspielstudent in Berlin. Kleine Rollen spielte er wieder in Chemnitz. Für Regieaufgaben und Theaterleitung qualifizierte er sich Anfang der 1950er-Jahre am Deutschen Theater Berlin als Assistent des Intendanten Wolfgang Langhoff – dessen Sohn Thomas holte er später als Schauspieler ans Hans Otto Theater Potsdam, wo er vor seiner Karl-Marx-Städter Zeit von 1957 bis 1966 Intendant war – und des Gastregisseurs Wolfgang Heinz, dem er als Mitarbeiter an die Neue Scala Wien folgte.


Als Generalintendant in Karl-Marx-Stadt förderte er auch die Oper, für die er durch Aufführungen zeitgenössischen Musiktheaters Aufmerksamkeit gewann, das Ballett und das Orchester, das in seiner Zeit, 1983, zur Robert-Schumann-Philharmonie umbenannt wurde. Aber mit Leib und Seele blieb Gerhard Meyer dem Schauspiel verpflichtet. Weiter Regie zu führen und als Akteur auf der Bühne zu stehen, ließ er sich nicht nehmen. Die jungen Talente, die er reihenweise entdeckte, achteten und liebten ihn als „Vater des Ensembles“, mit dem sie streiten, feiern und sensible Gespräche führen konnten. Selbst wenn er einen seiner Schützlinge für einen etwas verrückten Wirrkopf hielt, erkannte er immer dessen Begabung und setzte darauf sein Vertrauen.


Politisch und künstlerisch fühlte sich Meyer, wie seine Mentoren Langhoff und Heinz, dem Ideal einer humanistisch-sozialistischen Gesellschaft verpflichtet, aber er lotete die Grenzen dessen aus, was die DDR-Führung darunter verstand, und überschritt sie auch mit Inszenierungen, die weit über Karl-Marx-Stadt hinaus Furore machten. So wurde er schon zu Lebzeiten zur Theaterlegende. Sein engster Mitarbeiter, Chefdramaturg Dieter Görne, der spätere Intendant des Staatsschauspiels Dresden, erinnerte sich: „Wenn Meyer glaubte, ein schwieriges Stück werde von der Partei nicht zugelassen, spielte er einfach mit oder führte Regie.“


Um kein Befehlsempfänger zu sein, sondern seinem künstlerischen Gewissen folgen zu können, nutzte er die Tricks und den Witz eines Erzkomödianten, der er immer war und blieb. Seinen Lieblingssatz entlieh er von Theodor Fontane: „Ohne ein Quantum an Mumpitz geht es nicht.“ Bei der öffentlichen Trauerfeier im Chemnitzer Opernhaus, mit der am 2. Juli 2002 Weggefährten, Kollegen und Mitbürger von ihm Abschied nahmen, charakterisierte ihn Thomas Langhoff: „Wenn ein Narr Würde hat, ist er ein Mensch, und dann ist er Gerhard Meyer.“